VIVACE
Renate Bertlmann
Gloria Friedmann
Natalia LL
Jana Sterbak

Opening 10.11.2015, 19.00
Exhibition 11.11.2015 - 26.02.2016

Renate Bertlmann, Kaktus-Installation, 1999, Objekt Installation Foto, approx. 200 x 60 x 80 cm, © Renate Bertlmann

Natalia LL, Post Consumer Art, 1975, photographs on baryta paper, black and white, 8 pieces, 47 x 57 cm, #5 + 1AP
 
Die in der Ausstellung Vivace in der Galerie Steinek präsentierten Arbeiten von vier internationalen weiblichen Künstlerinnen verbindet die
Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper, steht im Kontext mit Debatten um Feminismus und weiblicher Identität und bildet eine
Folie bzw. einen Ausgangs- und Reibungspunkt für das Werk jüngerer KünstlerInnen. Der Titel der Ausstellung Vicace bezieht sich einerseits
auf die musikalische Tempoangabe vivace, welche in diesem Kontext lebendig, bzw. lebhaft bedeutet, andererseits auf den französischen Begriff
plante vivace, Pflanzen, die auch unter widrigen Umständen überleben, und bietet so zwei mögliche assoziative Beschreibungen für das Werk
der ausgestellten Künstlerinnen.
 
Renate Bertlmanns (* 1943 Wien/A) künstlerisches Œuvre, das eine Vielzahl unterschiedlicher Medien wie Zeichnung, Fotografie, Objekt,
Installation, Performance und Film umfasst, wird im Moment einer kunsthistorischen Neubewertung unterzogen. Wie ihre aktuelle Beteiligung an
der Ausstellung The World Goes Pop in der Tate Modern in London zeigt, wird ihr nunmehr über mehr als 40 Jahre entwickeltes Werk unter
unterschiedlichen Kriterien international neu präsentiert und durchleuchtet. So lässt sich z.B. Bertlmanns Werk mit einer Gruppe von weiblichen
Künstlerinnen wie Judith Bernstein, Lee Lozano, Anita Steckel, Betty Tomkins u.a. in Verbindung bringen, die sich Anfang der 1970er Jahre
verstärkt der Darstellung, Ironisierung und Kritik des Phallozentrismus der westlichen Gesellschaft gewidmet haben. In der Ausstellung zeigt
die Künstlerin ihre Kaktusinstallation aus dem Jahr 1999 als ein Beispiel für die Fragilität, Aufgeblasenheit und Gefährdung männlicher,
phallischer Identität in der Kombination von mit Luft gefüllten doppelten Präservativen und den spitzen Stacheln des Kaktus. Die Serie der
Zeichnungen von 1987 zeigt eine gänzlich andere Werkgruppe, die bereits Anfang der 1970er Jahre ihren Ausgangspunkt hatte und sich mit
weiblichen und männlichen Körperformen in einer abstrakteren Form auseinandersetzt.

In Gloria Friedmanns (* 1950 Kronach/D) Serie von Farbfotografien mit dem Titel Selbst hingegen geht es um eine Auslotung weiblicher
Identität in einem von der Künstlerin inszenierten Erfahrungsraum, einer Bühne der Selbstdarstellung und -reflexion. Die Räume, welche die Künstlerin
abbildet, sind karg und nur mit ein paar Requisiten gefüllt. Mit diesen interagiert die Künstlerin – präsentiert und verbirgt sich dabei gleichzeitig und
nimmt diese Selbstinszenierungen mittels Selbstauslöser auf. Die so entstandenen s/w-Fotografien sind Ausgangspunkt für einen weiteren Arbeitsschritt,
bei dem die Fotos koloriert werden. So schafft sie Selbstportraits in der poppigen Ästhetik der 1970er Jahre. In diesen „Körperfigurationen“ markiert
die Künstlerin die Behauptung und Inanspruchnahme eines eigenen Raums weiblicher Selbsterfahrung.

Die polnische Künstlerin Natalia Lach-Lachowicz nahm in den 1970er Jahren den Künstlernamen Natalia LL (* 1937 ┼╗ywiec/P) an und reiht sich so
in eine Tradition von weiblichen Künstlerinnen ein, die in dieser Zeit mit Identität in einer spielerischen Weise umgingen – zu erwähnen wären hier
z.B. Waltraud Stockinger (VALIE EXPORT), Lynn Hershman (Roberta Breitmore) oder Adrian Piper (The Mythic Being). Die durch die künstliche
Identität gewonnene Freiheit des künstlerischen Ausdrucks ermöglichte es diesen Künstlerinnen, Fragen nach (Geschlechter-)Identität und
gesellschaftlichen Rollenverteilungen zu verhandeln. Natalia LL, die ihre Arbeit im Umfeld der aktiven Szene der Konzeptkunst in Wrozlaw entwickelte,
geht es nach eigenen Aussagen vorwiegend um das „Aufzeichnen gewöhnlicher und trivialer Ereignisse, wie Essen, Schlafen, Kopulation, Ausruhen und
Sprechen etc.“ Trotzdem wurde ihre Arbeiten, wie z.B. die in der Ausstellung gezeigte Serie von s/w-Fotografien Post Consumer Art (1975) immer
vor dem Hintergrund erotischer und feministischer Kunst dieser Zeit diskutiert und entweder als Darstellung selbstbestimmten weiblichen Begehrens
oder als Kritik der pornographischen Konsumkultur interpretiert.

Eine andere buchstäblichere Form den Körper und sein Fleisch zu zeigen, verfolgt die Künstlerin Jana Sterbak (* 1955 Prag/CZ) in ihrem Objekt und
der Farbfotografie Vanitas: Flesh Dress for an Albino Anorectic oder gängiger The Meat Dress aus dem Jahr 1987. In der ursprünglichen Präsentation
wurden zusammengenähte Fleischstücke über einer Kleiderpuppe gezeigt und während der Ausstellungsdauer dem natürlichen Prozess der Alterung
überlassen. Das Werk löste eine kontroversiell geführte Debatte über die Zulässigkeit der Verwendung von (teuren) Lebensmittel für Kunstwerke aus,
behandelt aber in seiner ursprünglichen Intention das in der Kunstgeschichte über Jahrhunderte dargestellte Thema der Vergänglichkeit und Hinfälligkeit
des Fleischlichen und des Lebens. Eine ähnliche Strategie wie in The Meat Dress verfolgt die Künstlerin in The Generic Man (1987/2013), indem sie den
Körper eines „gewöhnlichen“ Mannes durch den in den Nacken wie eintätowiert erscheinenden Strichcode zur Ware werden lässt. Fragen von Gendertausch
und Rollenzuschreibungen verhandelt sie in ihrem Projekt Distraction (1992), in welchem eine Frau ein zartes Hemd mit Männerhaaren trägt und ein
weiteres Kleidungsstück durch die zusammengenähten Arme den Aktionsradius der Benutzerin einschränkt. Beide Textilobjekte werden in einer Vitrine
präsentiert und sind durch einen begleitenden Text in den Kontext einer Narration eingebunden, in welcher beschrieben wird, wie zwei Paare ein
Restaurant besuchen und eine der Frauen von ihrem Partner gefüttert werden muss, da sie ja selbst ihre Hände nicht benutzen kann. Kleidung,
ein zentrales Thema in Jana Sterbaks Arbeit, wird so als Normierungs- und Regulierungsmaschinerie erfahrbar gemacht. Hemma Schmutz, 2015
 
Gloria Friedmann Selbst, 1980, Color photograph 52 x 42 cm, Edition of 3
   
Jana Sterbak, Distraction , 1992, colour photograph, 49×36 cm, Edition 15, Foto © Jana Sterbak
 
 
 Jana Sterbak, Distraction, 1995, Shirt with human hair, jacket with its shirtsleeve sewing and showcase