GUDRUN KAMPL

ORNAMENT ODER VERBRECHEN

Eröffnung 26.4.2016, 19.00
Ausstellung 27.4 - 1.6.2016

 

Exhibition view, “Crime of Ornament”, 2015, Kunststoff, Lack, 230 x 363 cm

 


„Der moderne mensch, der mensch mit den modernen nerven, braucht das ornament nicht, er verabscheut es.“, Adolf Loos, „Ornament und Verbrechen“,1908

„Das ornament wird nicht nur von verbrechern erzeugt, es begeht ein verbrechen …“. 
Adolf Loos, „Ornament und Verbrechen“,1908

„Ich bin Adolf Loos dankbar. Jeder Satz ist für mich Gold wert! Loos beflügelt mich. Dadurch, dass ich mich mit seinen Schriften auseinander gesetzt habe, weiß ich, was ich will: Nämlich genau das Gegenteil!“ , Gudrun Kampl, 2016


GUDRUN KAMPL
ORNAMENT ODER VERBRECHEN

Ornament und Verbrechen heißt Adolf Loos’ 1908 veröffentlichte schmale Streitschrift, mit welcher der Architekt und Kulturpublizist glaubte, den Schlüssel für eine „gereinigte“ Kunst und Gesellschaft gefunden zu haben. Ornament oder Verbrechen nennt Gudrun Kampl ihre aktuelle Schau.

Die 1964 in Klagenfurt geborene Textilskulpteurin hat dafür ihr komplexes Universum aus Samt und Seide, Nähten und Stichen, Netzen und Schutzhüllen ausgeweitet. Dass die Maria Lassnig-Schülerin, die sich in ihrem Œuvre seit vielen Jahren mit Witz und Ironie nicht nur an Materialkonnotationen, sondern auch an barocken Symbolen und textilen Mustern abarbeitet und sich schon in ihrer Diplomarbeit mit der Angst vor dem Ornament beschäftigt hat, bei Adolf Loos landet, war wohl nur eine Frage der Zeit.

Sie hinterfragt, was der gefeierte „Baumeister der Moderne“ vorgegeben hat, seine Verordnung zum klaren Denken, sein Geifern gegen die Prunksucht des Kunstgewerbes, ebenso wie seine ornamentale, theatrale Sprache. Und sie schießt buchstäblich zurück, kunstvoll und auf ihre ganz spezielle Weise: Mit der Klebepistole.

Mit Kunststoff erarbeitet sie jetzt ihre Bilder und hat damit einen neuen Werkkomplex kreiert, der sich mit dem Ornament auseinandersetzt und all dem, was Adolf Loos gehasst hätte. Da, wo er edle Naturmaterialien gefordert hat, Kunststoff!

Kampl hat nicht nur Loos’ eigene ornamentale Skizzen in Kunststoffgebilde gebannt, sondern auch andere überbordende, architektonische Entwürfe zu großformatigen Vorhängen – gleichsam als rotes Tuch für Loos – und zu Wandbildern verarbeitet.

Inspiriert war sie dabei auch von Pornocomics und Tattoo-Vorlagen. Da posieren tätowierte, reife Frauen in expliziten Positionen – Loos begeisterte sich bekanntlich allzu sehr für das Ideal der Kindfrau und wurde auch als pädophiler Straftäter verurteilt – da räkeln sich Männer vor Lust, da finden sich üppige Märchenthemen ebenso wie fette Cup Cakes und hohe Torten zwischen Looszitaten – alles perfide lieblich in ein Riesenmuster eingebunden. „Im Ornament ertragen wir alles, sogar das Verdrängte“, sagt die Künstlerin.

Kampl hat mit Kunststoff auch auf Karton und Leinwand gezeichnet und die Linien dann mit Ölfarbe übermalt. Entstanden ist eine monochrome Reliefmalerei, die viele Sichtweisen zulässt: Da ist das versonnene Lächeln der Mona Lisa plötzlich ganz anders begründet: In mattem, edlem Rot, kann man sehen, wie sie es lustvoll mit drei Frauen treibt. Kann man, muss man aber nicht. 
Aus anderer Perspektive, in anderem Licht betrachtet, ist das Motiv nämlich bloß ein Ornament auf einer Leinwand, ein Spiel mit Tabu und Zensur vor dem Hintergrund, dass sich auch die immer gleichen Pornoposen gewissermaßen als Muster entpuppen. Auf einer anderen Leinwand wächst ein fein ziseliertes Ornament über die Leinwand hinaus, selbstverständlich fehlerhaft - in sich zerrissen. Daneben eine Auseinandersetzung mit dem Ornament, da, wo es allzeit außer Diskussion stand: auf einem Riesen-Geldschein.

Gudrun Kampl beherrscht das Spiel mit Verdrängungen und Doppeldeutigkeiten. Sie demonstriert, dass das Ornament Ordnung bietet und durchbricht dabei selbst jegliches Muster. Das macht ihre Arbeit lustvoll wie hintergründig und haptisch. - So lässt sich Loos buchstäblich anders begreifen.

Michaela Knapp